Deutscher als Deutschland
So eine Fahrt von 400 km kann man in Namibia eigentlich nur mit dem Auto zurücklegen. Mit einem der wenigen Züge ist man für die Strecke schon mal eine ganze Nacht lang unterwegs. Und Inlandsflüge sind auf Dauer auch nicht wirklich preiswert. Die meisten Leute im Land fahren deshalb entweder mit dem eigenen Auto oder mit einem der zahlreichen Minibusse, die einen Ueberall hin bringen. Wir hatten das Gück, dass uns zwei Bekannte in ihrem VW-Bus mitnahmen, die auch über das Wochenende nach Swakopmund wollten.
Schon beim Verlassen Windhoeks eröffnet sich dem Reisenden die atemberaubende Landschaft Namibias. Für die Einheimischen vielleicht nichts besonderes mehr. Ich jedenfalls konnte mich daran nicht satt sehen.
Swakopmund ist zwar die drittgrösste Stadt Namibias. Der Teil, in dem sich die Touristen hauptschlich bewegen ist aber in weniger als 15 Minuten einmal durchquert. Das vom südafrikanischen Apartheid-Regime errichtete Township bekommt der normale Besucher nicht zu Gesicht, es sei denn er geht bewusst in die äusseren Stadtteile.
Das Zentrum Swakopmunds zeichnet sich in meinen Augen vor allem in zweierlei Hinsicht aus:
1. Es ist ein Touristenzentrum: Im Sommer fliehen die Namibier aus dem heissen Landesinneren an die vergleichsweise kühle Küste und bringen entsprechen Geld in die Stadt. Deshalb ist das Zentrum Swakopmunds auch in hervorragendem Zustand: die Gehwege sind überall gepflastert, die Strassen breit und in Schuss und Elektrozäune und Stacheldraht wie in Windhoek sucht man hier vergebens.
2. Swakopmund ist deutsch. Richtig deutsch! Es wirkt wie ein kleines Disneyland für Deutschland-Fans. Die Deutschen bauten hier vor 100 Jahren viel und das im Stile der damaligen Zeit. Diese Architektur findet sich wieder bei Häusern, die heute gebaut werden. Auch wenn manche mit falschen Fachwerk etwas über das Ziel hinaus schiessen.
Deutsch ist hier weit verbreitete Sprache. Es gibt unter anderem deutsche Bäcker, eine deutsche Buchhandlung und eine urdeutsche Kneipe, das Brauhaus. Hier scheinen sich alle Klischees, die man je mit Deutschland assoziiert hat, zu vereinen: Weissbier, Sauerkraut, Eisbein, Flaggen die man in der BRD wohl keinem öffentlich zeigen würde und deutsche Trinklieder in unangemessener Lautsträke. Das alles vermengt mit dem typischen Geruch einer gutbürgerlichen deutschen Gaststätte. Auch wenn das Essen gut war, die Atmosphäre schreckte uns doch etwas ab.
So deutsch wie das Brauhaus ist auch die Veranstaltungsreihe, die gerade in Swakopmund läuft. Der Küsten-Karneval KÜSKA zieht nicht nur Deutsche an. Von überall her kommen dazu die Narren nach Swakop. Auch weil die Karnevale (gibts davon eine Mehrzahl?) in Namibia gestaffelt veranstaltet werden, so dass man das ganze Jahr über wahlweise Helau und Alaaf rufen kann. Den Umzug konnten wir leider nicht sehen, da er erst am Wochenende nach unserem Besuch stattfindet.
Eine weitere (und ausserhalb der Saison am Abend scheinbar die einzige) Attraktion das Swakopmunder Nachtlebens ist der Grüne Kranz (kurz “gruniz”). Eine Mischung als Club und Billard- und Kicker-Kneipe. Das Bier ist preiswert, alle Altersgruppen scheinen vertreten, die Musikmischung ist mehr als bunt und an Alternativen fehlt es. So treffen sich hier Schwarze* wie Weisse* gleichermassen, tanzen, feiern und haben Spass - bisher der einzige Ort, den ich kenne, wo die ethnische Herkunft keine Rolle zu spielen scheint.
Swakopmund bietet dem Besucher eine Vielzahl an Aktivitäten. Man kann hier baden gehen (wenn der eisige Benguelastrom mal ein paar Grad nach oben geht), mit Quads durch die Dünen brettern, beim Skydiving aus 12.000 ft Höhe zum Erdboden fallen oder aufs Meer rausfahren. Wenn das Wasser gerade zu kalt ist und man nicht über einhundert Euro für einen netten Nachmittag ausgeben will, dann empfiehlt sich Sandboarding. Ich habe es getestet und für eine ausgezeichnete Freizeitbeschfätigung befunden. Auch ohne jegliche Snowboarding-Vorkenntnisse macht es wirklich Laune und man lernt schnell die Balance zu halten. Nur der Sand überall in der Kleidung und der etwas frustrierende Wiederaufstieg mangels Skilift trügt gelegentlich das Vergnügen.
Die Unannehmlichkeiten sind beim Dune-Sliding schnell vergessen. Auf biegsamen Holzbrettern rast man bäuchlings, natürlich mit dem Kopf voran, die Dünen hinunter. Angeblich kann man dabei bis zu 80 km/h erreichen. Genug, um sich das Genick zu brechen, sollte man das Brett vorn loslassen, es sich in den Sand bohren und man sich etliche Male überschlagen. Mit etwas Planung und bei guten Pistenverhältnissen lässt sich das aber vermeiden.
Ein Abstecher ins 30 km südlich gelegene Walvis Bay ist nicht unbedingt notwendig. Auch wenn mir das Walvis Bayer Tourismusmanagement darin mit Sicherheit widersprechen und auf die vielfältigen Möglichkeiten der Tierbeobachtung hinweisen wird. Die von einem Tiefseehafen zerteilte Stadt lädt nicht gerade zum Bummeln ein. Der Yachthafen ist ganz nett. Ausserhalb der Saison ist hier aber tote Hose.
*Ich bin mir durchaus dessen Bewusst, dass die Begriffe “Schwarz” und “Weiss” in deutschen Augen politisch unkorrekt sind und als Diskriminierung verstanden werden könnten. Eine Auflistung aller Volksgruppen würde aber weder der Leserlichkeit dienen, noch inhaltlich etwas zum Artikel beitragen. Abgesehen davon sind “Schwarz” und “Weiss” hier in Namibia gängige Begriffe und keineswegs per se negativ belegt.
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Ein herzliches Hallo!
Wirklich ausgesprochen spannend. Vor allem das Sandboarding ist faszinierend.
Viele Grüße aus Coschütz,
Herms
“Ich bin mir durchaus dessen Bewusst, dass die Begriffe “Schwarz” und “Weiss” in deutschen Augen politisch unkorrekt sind”
Da scheint wohl jemand etwas überempfindlich zu sein, an den Begriffen “schwarz” und “weiß” ist weißgott nichts schlimmes, man kann es auch übertreiben.
@Peter: Tja, das sehen viele eben anders, deshalb dieser Disclaimer.