Namibia ist ein Vielvölkerstaat. Die willkürlichen Grenzziehungen in der Kolonialzeit haben dafür gesorgt, dass eine namibische Nation erst mit der Unabhängigkeit langsam entstehen konnte. Dem muss auch das öffentlich-rechtliche Programm der Namibian Broadcasting Corporation (NBC) gerecht werden. Deshalb gibt es hier Radio in neun Sprachen.

„Guten Morgen“ wird zum Zungenbrecher

Namibia kann man mit Fug und Recht als multikulturell bezeichnen. Die wechselvolle Geschichte hat dazu geführt, dass es in Namibia heute mindestens 12 ethnische Gruppen gibt. Diese finden sich auch in den 12 Strahlen der Sonne auf der namibischen Flagge wieder.
Englisch ist zwar Amtssprache und man kommt damit in der Regel auch überall gut aus. Daneben gibt es aber eine Vielzahl von Sprachen, die in Namibia gesprochen werden. Sehr verbreitet ist Afrikaans. Es entwickelte sich im südlichen Afrika aus dem Neuniederländisch des 17. Jahrhunderts unter dem Einfluss einheimischer Sprachen. Afrikaans wird außerdem in Südafrika und teilweise auch in Botsuana, Simbabwe, Lesotho, Sambia und Malawi gesprochen.
Muttersprache der meisten Namibier ist aber weder Englisch noch Afrikaans, sondern entweder eine der Bantu- oder eine der Khoisan-Sprachen. Diese Sprachen  unterteilen sich wieder in verschiedene Dialekte. Besonders interessant für europäische Ohren sind Khoisandialekte wie Khiokhoi, Damara oder !Kung San. Sie zeichnen sich durch Klick- und Schnalzlaute aus, die für den Ungeübten nur schwer zu erlernen sind. So kann ein einfaches „Guten Morgen“ auf Damara/Nama („!Gâi-//oas.“) für Europäer leicht zum Zungenbrecher werden.

Schätzungsweise 22.000 Menschen sprechen in Namibia heute noch Deutsch als Muttersprache. Entweder sind sie Nachfahren von Deutschen, die seit dem 20. Jahrhundert eingewandert sind. Oder sie sind selbst in Deutschland geboren und erst später nach Afrika gekommen. Besonders in Windhoek und in den Küstenstädten Swakopmund und Lüderitz trifft man oft auf Deutsch (Deutscher als Deutschland).

Der deutsche Hörfunk – das Internet des Farmers

Bei dieser Vielzahl an Ethnien und Sprachen ist es nur folgerichtig, dass die Namibian Broadcasting Corporation, der öffentlich-rechtliche Rundfunk Namibias, allein neun Radioprogramme unterschiedlichster Sprachen betreibt. Und das für ein Land mit gerade einmal 2,2 Mio Einwohnern. Neben dem National Radio auf Englisch sind das Afrikaans Radio, Lozi Service, Oshiwambo Radio, Tswana Radio, Rukavango Radio, Otjiherero Service, Damara/Nama Service und zu guter letzt natürlich das deutsche Programm.

Der NBC-Hörfunk - das Gebäude wird gern scherzhaft "Bunker" bezeichnet

Der NBC-Hörfunk - das Gebäude wird gern scherzhaft "Bunker" bezeichnet

Von morgens 05:25 bis 21:00 am Abend wird hier auf Deutsch gesendet und in ganz Namibia ausgestrahlt. Das Programm hat sich innerhalb der vergangenen zwei Jahre stark verändert. Während früher der deutsche Hörfunk musikalisch fast ausschließlich aus Klassik, Schlager und Volksmusik bestand, findet sich heute Musik aller Stilrichtungen im Programm. Das hat natürlich auch dazu geführt, das nicht alle Hörer mit der Musik zufrieden sind. Wie soll das auch gehen, wenn mit einem Programm Deutschsprachige aller Altersgruppen angesprochen werden sollen. Meiner Ansicht nach ist das Programm aber auf einem guten Weg, eine breite Mischung für möglichst viele Hörer zu schaffen.
Die Redaktion des deutschen Hörfunks

Die Redaktion des deutschen Hörfunks

Aufgebaut ist das Programm im Grunde wie jedes andere Radioprogramm in Deutschland auch: Eine Morgensendung und ein Abendmagazin informieren über das aktuelle Geschehen in Namibia und der Welt. Es gibt eine Servicesendung, ein Kinderprogramm und eine Sportsendung. Die Unterschiede zu einem klassischen Programm in Deutschland werden beim genauen Hinhören aber schnell deutlich: Der Tag wird begonnen und beendet mit einem christlichen Programm – in der namibischen Gesellschaft spielt das Christentum ein große Rolle. In der Servicesendung „Karussell“ suchen Hörer nach Mitfahrgelegenheiten oder bieten Alltagsgegenstände zum Tausch an. Und manche, die vielleicht weit ab von der nächsten Siedlung wohnen, rufen an und beschweren sich, dass ihr wichtigster Draht in die Welt, das deutsche Programm nicht empfangbar ist, weil vermutlich wieder einmal ein Sendemast ausgefallen ist. Die meisten dieser Anliegen würde man in Deutschland wohl über das Internet erledigen. Hier tut das der deutsche Hörfunk.
Bis vor wenigen Jahren waren Bänder noch Alltag

Bis vor wenigen Jahren waren Bänder noch Alltag

Daneben gibt es mehrere Strecken, auf denen (fast) ausschließlich Musik gespielt wird. So zwischen 11:00 und 12:00, zwischen 13:00 und 14:00 und von 19:15-20:54. Sendungen werden auch regelmäßig wiederholt, wie die Musikwunschsendung „Wünsch dir was“.
In Anbetracht dessen, dass ein tägliches Programm von über 15 Stunden von gerade einmal vielleicht fünfzehn Festangestellten und freien Mitarbeitern gestemmt wird, von denen viele daneben auch noch anderen Jobs nachgehen, ist das schon eine beachtliche Leistung.

Radio mit eigenem Fanclub

Natürlich gibt es viel am Programm zu kritisieren. Sendelöcher kommen immer wieder vor, oft auch einfach dadurch verursacht, dass das Sendesystem blockiert oder ein CD-Player hängt. Und auch dass die Nachrichten von einer zentralen Redaktion erstellt und dann lediglich übersetzt werden (dürfen), lässt an der journalistischen Freiheit zweifeln. Ganz abgesehen davon, dass Zeit um wirklich nach draußen zu gehen, mit den Menschen zu reden und klassische Radiobeiträge zu bauen praktisch nicht vorhanden ist.
Eines macht aber all diese Kritikpunkte vergessen: Die Hörer lieben ihr deutsches Programm. Und auch wenn es immer wieder (vor allem über die angesprochenen Veränderungen bei der Musik) Kritik gibt, so schalten doch selbst die größten Kritiker nicht einfach ab, sondern sind bei jedem Gewinnspiel eifrig dabei. Der Grund ist einfach: Das deutsche Hörfunkprogramm (oder wie es oft auch einfach abgekürzt wird: das DHFP) ist das einzige deutschsprachige Programm, das im Land zu empfangen ist (abgesehen von Live-Streams aus Deutschland über Internet – was natürlich auf den Farmen außerhalb der Städte nicht verfügbar ist) und über Namibia informiert. Und das seit 32 Jahren. So kommen täglich Anrufe von Hörern, die eine Sendung oder einen einzelnen Beitrag besonders schön fanden oder die sich einfach nur über das gerade eben gespielte Lied freuen, weil sie es schon in ihrer Jugend gehört haben.Besonders treue Hörer haben sich in der Hörerinitiative zusammen geschlossen. Sie investieren viel Zeit und Geld in ihren liebsten deutschen Hörfunk. Manche vermachen sogar ihr Erbe dem Förderverein. Der finanziert dann wiederum Dinge des täglichen Redaktionsbedarfs. Und auch die kleine Wohnung, in der die Praktikanten unterkommen, wird von der Hörerinitiative bezahlt. So etwas stelle man sich in Deutschland vor!

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